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Die Bilder der Ausstellung sind im Sommer 2019 entstanden. Ich möchte ausdrücklich nicht Bilder der touristischen New Yorker Attraktionen zeigen, sondern Eindrücke von der Alltagsarchitektur der Stadt vermitteln.

Zu dieser Alltagsarchitektur gehören Bauwerke mehrerer Zeitepochen, und wir sehen ein Nebeneinander von Gebäuden mit Patina als auch Bauwerken mit einer kühlen Ästhetik aus Stahl und Glas. Alle Fotos wurden mit einer einfachen Digitalkamera, der Lumix LX 7 aufgenommen.

Fotografen warten häufig auf das magische Licht im Tagesablauf. Nur für 1 Foto, nämlich das 1. Bild der Ausstellung mit dem Panoramablick über Manhattan, verbrachte ich 2 Stunden auf der Plattform des Empire State Building und wartete bis die abendlichen Sonnenstrahlen nur noch den Turm des One World Trade Centers als auch vereinzelte Hochhäuser im Bildvordergrund beleuchteten, während der Rest der Metropole bereits in das Halbdunkel des Abends eingetaucht war. Alle anderen Fotos entstanden spontan im Tagesablauf.

Fotografisch möchte ich einige inhaltliche Akzente betonen. Beginnen möchte ich mit dem auffälligsten Charakteristikum der New Yorker Architektur, nämlich dem Bauen in der vertikalen Achse. Das Bauprinzip des „immer höher und nochmals höher“ folgt einer Notwendigkeit und ist die einzige Möglichkeit baulicher Verdichtung der Stadt. Manhattan hat keine Chance zur Ausdehnung in der Fläche, da die natürlichen Grenzen durch den East River im Osten und den Hudson River im Westen gebildet werden. Für eine Zunahme des Bauvolumens bleibt deshalb nur die vertikale Achse in den Himmel. Jeder von uns hat ein Gefühl für die Proportionen der ihn im Alltag umgebenden Baukörper. Diese zeigen in der Regel eine Balance zwischen der Längenausdehnung und der zugehörigen Höhe. Ein Gebäude, das auf Grund der immer größeren Höhe wörtlich „an den Wolken kratzt“, hat diese Balance verloren. Man bewegt sich im Anblick dieser Riesen auch nicht mehr auf einer Straße, sondern in einer Straßenschlucht. Die unteren Stockwerke werden nicht mehr von direkter Sonneneinstrahlung erreicht, und ein eher diffuses gräuliches Licht umgibt den Betrachter. Die Wolkenkratzer aus der 1. Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zeigen noch steinerne Fassaden mit eingearbeiteter Ornamentik, während die jüngsten Vertreter der Gegenwartsarchitektur nur noch Stahl und Glas an ihren Oberflächen zeigen.

Die Stahlrahmen der Fenster bringen eine Rhythmik in die Fläche, während die Vollverglasung der Fassade die Bühne für Spiegelungen des Himmels als auch Spiegelungen umliegender Gebäude darstellt. Je nach Blickwinkel, Tageszeit und Wetter ändert sich das Bühnengeschehen auf den Fassaden. Da die Glasscheiben keine absolute Planlage im Stahlrahmen erreichen, kommt es bei den Spiegelungen zu geometrischen Verzerrungen: die Linien beginnen zu hüpfen und entfalten eine freie Eigendynamik. Dies führt dazu, dass die Bilder der in den Fassaden gespiegelten Welt eine dynamische Abstraktion der Realwelt zeigen und diese ästhetisch überhöhen.

Neben den reflektierenden gläsernen Hochglanzfassaden beeindrucken Gebäude aus früheren Zeiten mit nostalgischem Charme. Die Baukörper zeigen in der Regel Steinfassaden und verfügen „nur“ über etwas mehr als eine handvoll an Stockwerken. Zum Teil tragen die Fassaden einen Außenputz, häufig bestehen sie jedoch aus unverputzten Backsteinen. Diesen Fassaden vorgelagert sind filigrane eiserne Feuerleitern, die die Flächen auflockern und das Gesamtbild prägen. Wand – und Stahlkonstruktion gehen so eine Symbiose von Funktionalität und ästhetischem Reiz ein. Die Wände verzichten auf den spektakulären Auftritt und erzählen eher von den Mühen des Alltags in der Metropole. Die Ausstrahlung von Erdverbundenheit ist neben dem Anspruch der Himmelsstürmer aus Glas wohltuend.

Schließlich möchte ich von gewaltigen Brückenkonstruktionen als Äquivalent reiner Funktionsarchitektur erzählen. Diese Bauwerke überspannen mehrgeschossige Häuserreihen und verbinden die Stadtteile Manhattan und Brooklyn. Ein vielspuriger Autoverkehr mit getrennten Ebenen für jede Fahrtrichtung in Verbindung mit zusätzlichem Zugverkehr sorgen für eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse. In der Nähe dieser Giganten für Mobilität ist Wohnen mit dem Anspruch auf Lebensqualität nicht mehr möglich. Hier muss sich der Mensch mit seinen urbanen Lebenswünschen übergeordneten Kräften beugen. Die Grenzen der Zumutbarkeit durch urbane Verdichtung werden nicht nur erreicht, sondern erheblich überschritten.

Das New York der Fotoausstellung entspricht nicht mehr dem aktuellen New York. Die Stadt wurde zu einem hotspot des Infektionsgeschehens in Nordamerika. New York wurde von einer Stadtflucht erfasst, und noch heute sind das öffentliche Leben und die hochkomplexen Kulturszenen der Stadt in Mitleidenschaft. Ich wünsche deshalb der Metropole New York eine möglichst rasche Rückkehr in den kreativen Lebensrhythmus der Vor – Pandemiezeit.

Michael